Die ganze Bandbreite des Leben mit Gott verbunden

Predigt beim Requiem von P. Paul Schäfersküpper OP

„VATER PAUL“

Dass man den Bischof angeht, wenn man seinen Pfarrer, der wegberufen werden soll, behalten will, ist nicht ungewöhnlich; dass man aber gleich den bayerischen Ministerpräsidenten um Hilfe bittet, schon! So geschehen von den Schaustellern, als unser lieber Verstorbener, P. Paul, nach Augsburg kommen sollte und infrage stand, ob er weiter der Schaustellerseelsorger bleiben würde. Diese kleine Episode zeigt viel vom Verhältnis von P. Paul zu „seinen Schaustellern“.

In den Nachrufen der Presse – von der BILD-Zeitung bis zur Süddeutschen Zeitung – wurde P. Paul als „Wies´n-Pfarrer“ und „Wies´n-Legende“ beschrieben. Für die Beschicker der Wies´n war er einfach einer von Ihnen. Sein Name war „Vater Paul“ – was alles aussagt…

Der Obere von Augsburg P. Simon Goldau, der heute – wie andere – leider coronabedingt nicht hier sein kann, hat mir gesagt: „Der Zirkus war sein Leben. Und wenn einer der Schausteller um 3 Uhr nachts bei ihm angerufen hat, wäre er sofort losgefahren – egal wohin“. Genau das beschrieb eine Schaustellerin auch auf unserer Facebook-Seite zu seinem Tod: „Wir vermissen ihn sehr! Er war immer da, er war menschlich, herzlich und hatte immer einen guten Rat, wenn man einen brauchte. Er lachte und weinte mit uns, er reiste und teile schöne Stunden mit uns!“ Das war sein Anliegen – den Menschen einfach zur Seite zu stehen und den „Gott mit uns“ den Menschen nahe zu bringen.

UNTERWEGS AUF DEM AREOPAG DER VERSCHIEDENEN LEBENSWELTEN

Dabei mischte er sich voll ins Geschehen – und war sich für nichts zu schade. So gibt es von ihm Fotos im Autoscooter wie auch auf der Drehscheibe. Immer dort, wo die Menschen sind. Er selber sah seine Aufgabe darin, unterwegs zu sein auf dem „Areopag für Neuevangelisierung“, wie er es einmal formulierte. Damit nahm er Bezug auf die Lesung, die wir vorhin gehört haben (Apg 17, 16-34), wo sein Namenspatron, der hl. Paulus, in Athen unterwegs ist, viele Leute anspricht und mit ihnen ins Gespräch kommt. Er knüpft an dem an, was er vorfindet (konkret den Altar „Dem Unbekannten Gott“) und trägt auf dem Areopag, dem Ort für Diskussionen und für neue Ideen, daran anknüpfend die christliche Lehre vor – und das alles unbeeindruckt davon, wie die z.T. spöttischen Reaktionen sind. Genauso hat P. Paul sich ins Geschehen gemischt – und war dabei durchaus in einem guten Sinn weltlich und auch kantig. Typisch dafür ist folgende Geschichte: Eine Schwester schlug P. Paul einmal vor, auf dem Oktoberfest Beichttermine anzubieten. Doch Paul erwiderte ihr lachend:  „Die Leute kommen auf die Wiesn, um zu sündigen, nicht um zu beichten“. Diese witzige Geschichte zeigt viel von seinem realistischen Blick – aber auch von seiner Annahme des Menschen, so wie er ist. Alles hat seine Zeit…

Dennoch war er nicht einfach nur ein „a-dabei“, der letztlich nur den Leuten zu gefallen sucht. Viele, die ihn erlebt haben, hätten sich gewundert, dass er von seiner ersten Berufung her eigentlich Wissenschaftler war. Er hat in München doziert und hat als Sprachwissenschaftler wichtige Studien zur Untersuchung und Beurteilung zentraler Störungen der Stimme vorgelegt. Die Beurteilungen der Professoren, die ich noch in meinen Akten gefunden habe, waren überaus positiv und wertschätzend. Wenn ihn nicht seine erste Liebe, die zu Gott, der er als junger Erwachsener dann aus Respekt doch nicht gefolgt ist, wieder als 37-Jähriger eingeholt hätte, wäre hier sein Weg schon geebnet gewesen.

Viele, die ihn erlebt haben, hätten sich auch gewundert, wie fromm er war. Das geistliche Leben war ihm sehr wichtig. Die Suche nach Gott hat ihn – man glaubt es kaum, wenn man Paul mitten im Geschehen erlebt hat – sogar in einen Schweigeorden geführt. Es war der strengste Orden der Kirche: die Kartäuser. So viel er da auch gefunden hat, hat es dennoch gepasst, dass er nach dem Noviziat bei den Kartäusern zu den Dominikanern gegangen ist. Er war ein Dominikaner mit Leib und Seele: aus der Frömmigkeit schöpfen, aber dann beim konkreten Menschen sein, so wie er ist und das im Gebet und Studium Erfahrene an die Menschen weitergeben. Dabei hatte P. Paul die ganze Bandbreite, die der Orden hat, auch in sich: den Wissenschaftler wie den Beter, die Stille zu lieben und doch gerne bei den Menschen sein. Eine unglaubliche Bandbreite hat er dabei in seinen verschiedenen Tätigkeiten abgedeckt: Er war Pfarrer und Spiritual, Kartäuser und Dominikaner, Schaustellerseelsorger und Wissenschaftler. Bis zum Schluss hat er noch zur Eucharistie geforscht – ein Projekt, das er sich selbst gegeben hatte.

Man könnte noch viele Predigten über die anderen Aspekte halten, die Paul wichtig waren und die er gelebt hat. So hat er folgerichtig in unserem letzten Telefonat kurz vor Weihnachten gesagt: „Ich hatte ein überreiches Leben!“

Doch alles verband sich für ihn im Glauben.

„DAS CHAOS MITRAGEN UND WEGE RAUS FINDEN“

So kann man am Schluss vielleicht fragen, ob es etwas gab, was die verschiedenen Aspekte zusammengehalten hat. Ich glaube, es war: Dem konkreten Menschen ein Stück weiterzuhelfen – von Gott her: den Stotterern, für die er vor seinem Ordenseintritt nicht nur geforscht hat, sondern denen er auch konkret geholfen hat wie auch später als Seelsorger das konkrete Dasein für den Einzelnen. Seine Motivation als Seelsorger erklärte er einmal mit diesen Worten: „Das Chaos in den Leuten mitzutragen und daraus Wege zu finden, damit es sich in eine Ordnung begibt.“ Und dies fing bei der konkreten Not an. Paul war nie einer, der davor weglief oder sich drückte – bei aller Liebe auch der Stille; sondern in die konkrete Situation hinein sollte der „Gott mit uns“ erfahrbar werden.

So schließt sich ein überreiches Leben. Möge Paul nun die Ruhe im Schoß des Vaters finden, die er sein Leben lang gesucht hat – und möge Gott ihm alles, was er getan hat, überreich vergelten. Amen